Nürnberg um 1500

Quelle: Zeno.org

Albrecht Dürer: Nürnberg von Südwesten. Um 1496/97.
Quelle: Zeno.org

Nach heutigen Maßstäben war Nürnberg vor fünfhundert Jahren eine fränkische Kleinstadt: Gassen und Gässchen, Kopfsteinpflaster und Butzenscheiben, ein Provinznest von 40.000 Einwohnern. Zwischen Wäldern gelegen, in denen sich die Füchse Gute Nacht sagten, an einem Flüsschen, auf dem keine Schiffe fuhren, in einer sandigen Gegend, die nicht gerade für ihre blühende Landwirtschaft berühmt war, ebenso wenig für irgendwelche Bodenschätze, und deren größte Attraktion in einem fünfzig Meter hohen Sandsteinfelsen bestand, auf den man eine Burg gebaut hatte.

Aus der Sicht des 16. Jahrhunderts war Nürnberg eine europäische Metropole. Zwar hatte der Ort, anders als Städte wie Trier oder Augsburg, keine römische Vorgeschichte, was in den Augen der Zeitgenossen einen Mangel darstellte. Für die urbane Entwicklung, die hier im Mittelalter einsetzte, scheint das jedoch kein Nachteil gewesen zu sein. Vor allem im 14. und 15. Jahrhundert erlebte Nürnberg ein dynamisches Wachstum. Anfang des 16. Jahrhunderts hatte keine deutsche Stadt außer Köln mehr Einwohner[1]Wie man z. B. dieser Wikipedia-Liste entnehmen kann. – Die Schätzungen für die Zeit um 1500 schwanken bei Nürnberg zwischen 28.000 und 50.000. Am häufigsten begegnet einem die Angabe von ca. 40.000 Einwohnern (z. B. bei Martin Schieber, Nürnberg. Eine illustrierte Geschichte der Stadt. München 2000. S. 42)., keine verfügte über ein ähnlich großes Territorium.[2]1536 wurde Nürnberg in diesem Punkt von Bern überflügelt. Die fränkische Kleinstadt war um 1500 ein politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum.

Wirtschaftlicher und politischer Aufstieg

Messerschmied bei der Arbeit, 1523. (Hausbuch der Landauerschen Zwölfbrüderstiftung)
Quelle: Wikimedia

Wichtigster Faktor für den Aufstieg war die wirtschaftliche Entwicklung. Die Stadt war kein bedeutender Messeplatz wie Frankfurt am Main oder Leipzig, aber hier kreuzten sich wichtige Handelswege, und die hiesigen Kaufleute hatten ein weit verzweigtes Netz von Handelsverbindungen und Zollprivilegien aufgebaut. Außerdem hatten sie einiges anzubieten. Beispielsweise gab es in der Stadt ein innovatives metallverarbeitendes Gewerbe, hochspezialisierte Handwerker, deren Nadeln, Messer, Fingerhüte, feinmechanische Instrumente, Waffen usw. auf den europäischen Märkten sehr gefragt waren. Bekanntes Beispiel für den Erfindergeist der Handwerker ist der Schlosser Peter Henlein, dem die Konstruktion tragbarer, kleiner Uhren (Taschenuhren) zugeschrieben wird. Einen Eindruck von der Vielfalt und dem hohen Spezialisierungsgrad der Berufe in Nürnberg bekommt man in den Hausbüchern der Zwölfbrüderstiftungen.

Mit der wirtschaftlichen Stärke wuchs das politische Gewicht. Im Lauf des 14. und 15. Jahrhunderts erwarb man immer mehr Eigenständigkeit; erwerben ist hier durchaus wörtlich zu nehmen. Ein Beispiel: Nürnberg gehörte zu den Reichsstädten, war also unmittelbar dem Kaiser unterstellt. Da dieser nur alle paar Jahre bzw. Jahrzehnte zu Besuch kam, residierten auf der Burg zwei Stellvertreter. Einer davon, der Reichsschultheiß, war in der Stadt für Gerichtsbarkeit und Polizeiaufgaben zuständig. Dieses Schultheißenamt kauften die Nürnberger dem Kaiser für 8.000 Gulden ab, was nicht wenig war. Dafür durften sie fortan selbst bestimmen, wer hingerichtet wurde.

Der andere kaiserliche Stellvertreter war der Burggraf[3]Zuständig für Verwaltung und militärische Sicherung der Burg und des Umlandes. Auch dessen Amt kauften die Nürnberger. Sie zahlten 120.000 Gulden, was wirklich sehr viel Geld war. Mit der Adelsfamilie, die das Amt innegehabt hatte, den Hohenzollern, verlief die Sache allerdings alles andere als reibungslos.[4]Die Hohenzollern, ursprünglich eine unbedeutende schwäbische Adelsfamilie, hatten das Nürnberger Burggrafenamt seit 1191 innegehabt und es als Ausgangspunkt genutzt, um sich durch Kauf, Tausch, Heirat usw. in Franken ein eigenes Fürstentum aufzubauen. Der letzte Burggraf, Friedrich VI., hatte dem Deal mit den Nürnbergern zugestimmt, weil er sich in Brandenburg als neuer Kurfürst etablieren wollte, wofür er dringend sehr viel Geld brauchte. Diese Zwangslage nutzte der Nürnberger Rat kühl berechnend aus. (Peter Fleischmann, Nürnberg im 15. Jahrhundert. München 2012. S. 18.) Der (nunmehr letzte) Burggraf bekam 120.000 Gulden, die Nürnberger bekamen eine abgebrannte Burg und alle damit verbundenen Rechte. Dies geschah 1427, und eigentlich hätte die Sache damit erledigt sein können. War sie aber nicht. Der Nachfolger des letzten Burggrafen hielt den Deal mit den Nürnbergern für ein ganz schlechtes Geschäft. Er wollte das Amt zurückhaben. Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zum ersten Mal zum Krieg.[5]Erster Markgrafenkrieg (1449/50). Um es kurz zu machen: Die Nürnberger verteidigten sich erfolgreich. Gute Nachbarn wurden aus ihnen und den Hohenzollern auch danach nicht.

Der Krieg hatte gezeigt, dass die Stadt in der Lage war, sich gegen einen mächtigen Fürsten politisch und militärisch zu behaupten. Anfang des 16. Jahrhunderts zeigte sich, dass die Stadt inzwischen selbst wie ein Fürstentum agierte. 1504 nutzten die Nürnberger eine Kriegssituation[6]Landshuter Erbfolgekrieg (1504/05). aus, um ihr Territorium auf mehr als das Doppelte zu vergrößern.

Dürerzeit

Kopie inklusive Markenzeichen. [7]Marcantonio Raimondi, Die Heimsuchung. Kupferstich. Kopie nach Albrecht Dürer (Marienleben).
Quelle: Metropolitan Museum of Art

Zur wirtschaftlichen und politischen Bedeutung der Stadt kam um 1500 etwas hinzu, was man als kulturelle Ausstrahlung bezeichnen kann. Aus heutiger Sicht verbindet sich das vor allem mit dem Namen Dürer. Das hat seine Berechtigung. Es gab auch unabhängig von Nürnbergs berühmtem Maler in der Stadt eine bemerkenswerte künstlerische Produktion, aber was die Präsenz im Bewusstsein der Zeitgenossen angeht, spielte Dürer in einer anderen Liga als Adam Kraft oder Veit Stoß. Er war bereits zu Lebzeiten ein Star, sein Monogramm entwickelte sich zu einem internationalen Markenzeichen, seine Bilder wurden von Kollegen in nah und fern geschätzt und vielfach kopiert (manchmal inklusive Monogramm, vgl. auf der Abbildung das Namenstäfelchen ganz unten). Ein Maler, der auf diese Art den Markt belieferte, mit Massenprodukten von hoher Qualität, als Markenware gekennzeichnet, das war etwas Neues.

Romwegkarte von Erhard Etzlaub, vor 1499.
Quelle: Wikimedia

Nürnberg war zu jener Zeit ein Zentrum des Buchdrucks und der Druckgrafik. Hier wurden wichtige Werke der Astronomie veröffentlicht[8]Die wichtigsten waren die Ephemeriden (Sterntafeln) von Regiomontanus (1474) und De revolutionibus orbium coelestium, das Hauptwerk von Kopernikus (1543).
Die ersten gedruckten Karten des Sternhimmels erschienen 1515 und stammten von Dürer, der dabei mit dem Nürnberger Astronomen Heinfogel und dem Wiener Humanisten (und Auftraggeber) Stabius zusammengearbeitet hatte.
, ebenso der Geografie bzw. der Kartografie[9]Dass der älteste erhaltene Erdglobus (1492) aus Nürnberg stammt, ist eine recht bekannte Tatsache. Weniger bekannt, aber für die Kartografie bedeutsam sind die Karten von Erhard Etzlaub, so die Romwegkarte (siehe Abbildung), die als die erste gedruckte Straßenkarte gilt. Auch von Dürer gibt es einen Beitrag: eine Erdkarte (1515), die er in Zusammenarbeit mit dem mathematisch-kartografisch versierten Humanisten (und Auftraggeber) Stabius entwarf.. Die Stadt war ein Ort, an dem Informationen, Nachrichten, Ideen in Bild- und Textform verbreitet wurden; ein Medienzentrum.[10]Eines der größten Medien-Unternehmen jener Zeit betrieb der Nürnberger Drucker, Verleger und Buchhändler Anton Koberger; der übrigens Dürers Taufpate war.

Dürer profitierte davon. Er erarbeitete über Jahre ein umfangreiches Repertoire an Druckgrafik, an Bildern also, die im Gegensatz zu Gemälden und Zeichnungen hundertfach vervielfältigt werden konnten. Kein bedeutender Künstler der Renaissance hat so sehr wie er auf dieses neue Medium gesetzt und dessen Möglichkeiten weiterentwickelt. Seine Holzschnitte und Kupferstiche waren ebenso gefragt wie die Erzeugnisse der Nürnberger Drahtzieher, Klingenschmiede und Kompassmacher, und sie wurden auf den gleichen Wegen vertrieben. Die Stadt war Produktionsstätte und Umschlagplatz für Waren aller Art – auch für Bilder. Um 1500 wurde also ganz Europa mit Dürers Bildern geradezu ‘überschwemmt’.[11]Wolfgang Schmid, Dürer als Unternehmer. Kunst, Humanismus und Ökonomie in Nürnberg um 1500. Trier 2003. S. 547. – Bei einer Modellrechnung kommt Schmid auf eine Gesamtauflage von 100.000 bis 200.000 Blättern. Wenn man für die gesamte Druckgrafik der Zeit bis 1500 mit 500.000 bis 1.000.000 Blättern rechnet (vgl. Richard S. Field, Der frühe Holzschnitt: Was man weiß und was man nicht weiß. In: Die Anfänge der europäischen Druckgraphik, hrsg. von Peter Parshall u. Rainer Schoch. Nürnberg 2005. S. 19.), scheint Schmids Einschätzung nicht übertrieben. Mit der heutigen Bilderflut kann man es zahlenmäßig nicht vergleichen. Aber Dürer war tatsächlich sehr präsent.

Zur kulturellen Ausstrahlung der Stadt trugen auch die Humanisten bei, die hier lebten. Der bekannteste war der Patrizier Willibald Pirckheimer. Er hatte in Italien Jura studiert und nebenbei angefangen, Griechisch zu lernen. In Nürnberg betätigte er sich als Ratsherr, Diplomat und juristischer Berater, außerdem als Privatgelehrter bzw. Herausgeber und Übersetzer antiker Autoren. Er unterhielt eine ausgedehnte Korrespondenz, unter anderem mit Humanisten wie Reuchlin und Erasmus.

Dürers berühmtester Auftraggeber.[12]Albrecht Dürer, Porträt Erasmus von Rotterdam. 1520.
Quelle: Wikimedia

Dürer war mit Pirckheimer befreundet, wodurch er Zugang zu dessen umfangreichem Netzwerk bekam; das betraf beispielsweise Kontakte zum kaiserlichen Hof. Einen illustren Kreis von Auftraggebern, die Altarbilder bestellten oder sich porträtieren lassen wollten, hätte er auch ohne Pirckheimer gehabt – aber vielleicht einen etwas kleineren. Auch für seinen Sonderstatus als gelehrter Maler dürfte die Beziehung zu Pirckheimer hilfreich gewesen sein. Dürer war Sohn eines zugewanderten Handwerkers, er hatte nicht studiert und vermutlich nicht einmal eine Lateinschule besucht. Die Freundschaft mit einem Mann wie Pirckheimer bedeutete Reputation, und zwar nicht nur in der Stadt, sondern auch in der virtuellen Gelehrtenrepublik, der Res publica literaria. Erasmus von Rotterdam hat Dürer geschätzt. Als gebildeter Mensch kannte man diesen Maler.

Apropos Bildung. Es gab in Nürnberg keine Universität, aber immerhin vier Lateinschulen (aus einer von ihnen ging 1526 das erste humanistische Gymnasium in Deutschland hervor) und eine größere Zahl von Schreib- und Rechenschulen, in denen beileibe nicht nur die Kinder der Kaufleute lesen, schreiben und rechnen lernten. Man kann von einem verhältnismäßig hohen Alphabetisierungsgrad der Einwohnerschaft ausgehen.[13]Hamm schätzt, dass 40% der Nürnberger Einwohner lesen konnten. (Bernd Hamm, Die Reformation in Nürnberg. In: Deutschlands Auge & Ohr. Nürnberg als Medienzentrum der Reformationszeit. Begleitpublikation zur Ausstellung. Hg. Thomas Schauerte. Nürnberg 2015. S. 17.)

Der Schuhmacher.[14]Jost Amman / Hans Sachs: Ständebuch. Nürnberg 1568.
Wellcome Collection
Lizenz: CC-BY-4.0

Was das bedeutete, dazu wiederum ein Beispiel: Hans, Jahrgang 1494, Sohn eines Schneidermeisters, lernt ganz selbstverständlich lesen und schreiben und geht auf die Lateinschule. Mit vierzehn beginnt er eine Lehre als Schuhmacher, begibt sich anschließend als Geselle fünf Jahre lang auf Wanderschaft, kehrt in seine Heimatstadt zurück und lässt sich dort als Schuster nieder. Im Lauf eines langen Lebens verfasst er nebenberuflich mehrere tausend Lieder, Gedichte, Dramen, Dialoge und Fabeln und wird der (neben Luther) populärste deutschsprachige Autor des 16. Jahrhunderts.

Wer regiert die Stadtrepublik?

In einem seiner vielen Gedichte beschreibt Hans Sachs (1494-1576) neben anderen Vorzügen seiner Heimatstadt ihre kluge Verfassung. Alles in der Stadt ist wohlgeordnet und zweckmäßig eingeteilt, es gibt zahllose Ämter mitsamt den entsprechenden Amtleuten und Vorschriften. Der Rat führt Aufsicht über alle seine Bürger Mit ordenlichem Regimendt, Gutter Statut vnd Policey, Guetig on alle Tyranney.[15]Hans Sachs, Ein Lobspruch der Stadt Nürnberg.

In der Tat herrschte in Nürnberg Selbstverwaltung: kein geistlicher oder weltlicher Fürst lenkte die Geschicke der Reichsstadt, sondern die Bürger selbst. Wie hat man sich das in der Praxis vorzustellen?

De facto beherrschten ein paar alteingesessene Patrizierclans die Stadt, von denen die meisten durch Handel reich geworden waren.[16]“Ratsherrschaft in Nürnberg war Oligarchie, also die Herrschaft eines kleinen Kreises von Angehörigen aus ca. 30 Familien.” – Peter Fleischmann, Nürnberg im 15. Jahrhundert. München 2012. S. 36. Deren Regiment war so weise, dass den Handwerkern nicht einmal die Organisation in Zünften erlaubt wurde – keine Selbstverwaltung. Stattdessen eine Aufsichtsbehörde (Rugamt), mit der man die Kontrolle über die Handwerker ausübte. Zwar saßen pro forma acht Vertreter von ihnen im Inneren Rat, der 42 Mitglieder hatte, aber mit den Regierungsgeschäften hatten sie dort nicht viel zu tun. Die waren auf die Schultern von 26 Bürgermeistern verteilt, die jährlich ernannt wurden und jeweils für vier Wochen die Amtsgeschäfte führten.

Wappen einiger Patrizierfamilien. Aus dem Wappenbuch von Johann Siebmacher, 1605.
Quelle: Wikimedia

Die ranghöchsten der 26 Bürgermeister waren sieben Ältere Herren, ein ziemlich exklusives Kollegium, für das nicht einmal jede Patrizierfamilie patrizisch genug war.[17]“Bis in das 16. Jahrhundert wurde streng darauf geachtet, dass Nachrücker ausschließlich aus dem Kreis der alten Geschlechter kamen. Angehörige junger Familien hatten zunächst keine Chance dorthin vorzudringen, sie wurden schon im Vorfeld ganz gezielt abgeblockt.” – Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Die Herrschaft der Ratsgeschlechter vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Band 1. Neustadt an der Aisch 2008. S. 63. – Die alten Geschlechter waren ein erlauchter Kreis von zwanzig Familien, die schon sehr lange im Rat saßen. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurde das System ein wenig gelockert. Sie hatten die eigentliche Regierungsgewalt inne, ihre Kompetenzen waren umfassend. Sie gaben die Richtung vor, wenn im 42köpfigen Rat über wichtige Fragen abgestimmt werden musste.

Eine herausragende Stellung unter den sieben Älteren Herren hatten die beiden Losunger: ursprünglich nur für die Finanzen zuständig (Losung = Steuer), war diesem Amt im Laufe des 15. Jahrhunderts auch die oberste militärische Befehlsgewalt übertragen worden. In den ersten drei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts waren es vor allem Anton Tucher II. (1458-1524) und Hieronymus Ebner (1477-1532), die das Losungeramt prägten.

Bei besonders bedeutsamen Entscheidungen (z. B. Krieg) wurde bisweilen auch der Größere Rat einberufen, der zwar nichts zu entscheiden hatte, dessen Zustimmung den Älteren Herren aber wichtig war. Er hatte mehr als zweihundert Mitglieder, die Genannten. Unter ihnen befand sich dann auch eine Reihe von wohlhabenden Handwerksmeistern.[18]Dürer gehörte ab 1509 zum Größeren Rat.

⇒ Zum Stadtplan

Anmerkungen   [ + ]